
Kleiner Olaf – Große Seele
Ein Weg aus der Dunkelheit in’s Licht
Hallo Mensch. Ich bin hier. Nein, nicht hier unten bei dir auf der Erde. Schau mal hoch. Ich spreche aus dem Himmel zu dir. Denn ich möchte dir etwas erzählen.
Mein Name ist „Olaf“. So hieß ich aber nicht immer. Nachdem ich von meiner Mama, einem sogenannten „Zuchtkaninchen“ geboren wurde, hieß ich gar nicht. Also ich war einfach nur ein ‘Kaninchenbock‘. Nachdem ich von meiner Mama und meinen Geschwistern getrennt wurde, lebte ich zwei Jahre lang in einem kleinen, kalten, dunklen Gefängnis. Ganz alleine. Ach, wie sehr wünschte ich mir Freunde! Auch wenn ich später als ausgewachsener Kaninchenmann gerade mal 1000 Gramm auf die Waage brachte, wollte ich mich ganz viel bewegen. Immer wieder träumte ich davon, dass ich mit anderen Kaninchen über grüne, saftige Wiesen renne. Obwohl ich gar nicht wusste, wie sich Rennen anfühlt und dass man von grünen, saftigen Wiesen essen kann, träumte ich das. Irgendetwas in mir wusste eben, dass ich genau dafür gemacht war. Aber es blieb beim Träumen. Weil ich immer mehr fühlte, dass ich in meinem engen Gefängnis nicht der sein konnte, der ich in Wirklichkeit war, wuchs in mir drin eine tiefe Angst und Traurigkeit.
Eines Tages kam eine große Hand in meine Kiste und holte mich heraus. Was ich dann erblickte, ließ mein Herzchen sofort dahinschmelzen. Ein wunderschönes Kaninchenmädchen wurde mir gebracht und – ohje – ich bekam Gefühle, die ich bisher gar nicht kannte. Das Mädchen fand mich gut. Kein Wunder, ich hab´ mich auch mächtig in’s Zeug gelegt, damit ich ihr gefalle! Als wir zwei so richtig ein Herz und eine Seele geworden waren, da wurden wir wieder getrennt. Sie wurde in ihre enge, dunkle Kiste zurückgesetzt und ich in meine. So ging das viele Male, immer wieder verliebte ich mich in die Mädchen, zu denen ich gebracht wurde und dann wurden wir wieder auseinandergesetzt. Mein Herz brach in Stücke. Jedes Mal ein Stück mehr. Eines Tages konnte und wollte ich mich nicht mehr verlieben und so brachte mich der Mensch, der mich sonst zu den Mädchen gesetzt hatte, in ein Zuhause, in dem ganz viele Tiere leben, die niemand mehr haben möchte. Hier wurde ich sogar getauft auf den Namen „Olaf“. Ein ganz merkwürdiges Gefühl war das, plötzlich gesehen zu werden als ein Wesen mit Bedürfnissen und Charaktereigenschaften und auch noch einen Namen zu haben. Alle fanden mich süß und goldig und gaben sich sehr viel Mühe, damit ich meine Angst und Starre ablegen sollte. Aber das geht nicht so schnell, wenn man so lange Zeit in Angst und Starre gelebt hat und gar nicht wusste, wie das ist, dass Menschen einem als Lebewesen sehen. Trotz allem aber landete ich auch da in einer kleinen, engen Kiste in einer dunklen Garage. Sie nannten es „Quarantäne“. Das war nicht so schlimm für mich, ich kannte das ja schon. Bestimmt würde da auch wieder eine Hand mich aus der Kiste herausholen und zu einem Mädchen setzen. Aber da habt ihr euch getäuscht, ihr Tierheimmenschen! Nein! Ich werde mich ganz sicher nicht mehr verlieben!!
Ja, genau das hatte ich vor. Nie, nie, niemals mehr wollte ich mich verlieben! Das dachte ich, bis eines Tages eine Menschenfrau vor mir stand. Sie war still. Ihr Blick hing an mir voller Liebe. Ich spürte das genau, auch wenn ich sie nicht anschaute. Gut fühlte sich das an. Mir wurde warm und wohlig zumute. Höchst verwundert ließ ich diese Gefühle zu. Ich konnte mich überhaupt nicht dagegen wehren, dass ich mich so gut fühlte. Dieser Frau erging es wohl ganz genauso. Denn zwei Stunden später hatte ich eine Familie. Ich wusste damals noch nicht, was das ist, aber das lernte ich sehr schnell. Ich lernte auch, dass diese Familie alles, wirklich alles dafür tat, dass es mir gut ging. Und was ich noch sehr schnell lernte: Wie ich alle Menschen, die zu dieser Familie gehören, dazu brachte, zu tun, was ich will. Uiii, ich sage euch, das war ein Leben! Ständig baute mein Menschenpapa ein neues Zuhause für mich. Als Bauleiter war ich echt einsame Spitze! Endlich hatte ich alles, was ich brauchte und die Krönung war, dass ich mit einem Mädchen lebte. So als Paar – für immer. Naja, nicht ganz für immer. Meine Kleine wurde irgendwann krank und zog um in den Himmel. Aber meine Familie sagte mir, dass ich die winzig kleine Frieda eines Tages wieder sehen werde. Sie sollten Recht behalten, aber davon später. Ich war sehr, sehr traurig, als mein Mädchen nicht mehr da war. So dauerte es nicht lange, bis die scheue, weiße Maja bei uns einzog mit ihren süßen dunklen Flecken. Ein gewöhnungsbedürftiges Persönchen ist das, aber ich kam gut mir ihr klar, wenn sie machte, was ich wollte. Wir fanden einen Weg, auf dem wir es gut miteinander aushalten konnten und manchmal kuschelten wir auch. Ich war so glücklich und zufrieden mit meinem Leben. Da waren die zwei Kinder, Hannah und Lea, die sehr respektvoll mit mir umgingen. Niemals nahmen sie mich hoch, weil sie von ihrer Mama und von der Oma gelernt hatten, dass Kaninchen das gar nicht mögen. Sie streichelten mich nur, wenn ich zu ihnen kam. Manchmal tat ich das auch, vor allem, wenn sie eine leckere Möhre oder Pastinake ganz ruhig in ihren Händen hielten. Sie machten jeden Tag, zusammen mit ihrer Mama, unser Zuhause blitz und blank sauber und legten uns ausschließlich leckeres, grünes, gesundes Futter vor die Nase. Ich war der Allerallerkleinste in dieser Familie. Der Hund und die Katze schauten ab und zu mal vorbei, aber niemand tat mir jemals etwas zuleide. Ich wurde geliebt und geachtet und die gesamte Familie gab mir mein Geburtsrecht zurück, das ich bis dahin nie erhalten hatte: Meine Würde. Dies blieb auch so, als ich nach fast fünf Jahren nicht mehr gut atmen konnte. Puh, das Leben wurde echt anstrengend. Kaum hoppelte ich ein paar Meter, musste ich auch schon anhalten und richtig mühsam atmen. Dadurch lernte ich neue Freunde kennen, die nicht bei meiner Familie lebten. Sie nannten sich „Tierarztpraxis“. Viele Frauen und ein Mann liefen da herum und alle freuten sich, wenn sie mich kommen sahen. Die Frau, also die Tierärztin, nahm mich jedes Mal total verliebt aus meiner Transportbox und steckte ihre Nase und Augen in alle meine Öffnungen. Die durfte das auch. Ich hielt immer ganz arg still, weil ich spürte, dass sie mir hilft. Ja, das tat sie. Ich bekam zwei Jahre lang immer wieder Medizin. Also da muss ich sagen, daheim dann, da machte ich es meinen Menschen nicht so leicht, wie sie diese Medizin in mein kleines Mäulchen kriegen konnten. Aber meine Menschenmama ist sehr kreativ. Sie hat das immer wieder versucht, bis wir uns darauf einigten, dass sie Pastinaken reibt, darin meine Medizin versteckt und dann kleine Türmchen daraus bastelt. So konnte ich das Zeug gut fressen, ohne dass mich jemand hochnehmen und mir die Sachen in mein Mäulchen spritzen musste.
Zwei Jahre machten wir das so und meine Menschenmama war sehr, sehr wachsam. Sobald ich mich ein bisschen anders verhielt, als sonst, wurde ich wieder zu meinen Freunden gebracht und bekam neue Medizin. Eines Tages aber passte meine große, würdevolle Seele nicht mehr zu dem kleinen, immer kränker werdenden Körperchen. Ich hatte meiner Menschenmama klar zu verstehen gegeben, dass meine Seele nun viel mehr Platz braucht und umziehen möchte. Da erwies sich meine beste Freundin in der Tierarztpraxis als wahre Heldin. Obwohl sie mich so sehr liebte, half sie mir, meine Seele gehen zu lassen. Meine Menschenmama hielt mich, meine Menschenoma hielt meine Menschenmama und meine Freundin handelte so liebevoll, wie ich sie seit zwei Jahren kannte – mit einem kleinen Unterschied. Ich schlief ein. Wir hatten viel Zeit, unsere Liebe ein letztes Mal von Körper zu Körper zu spüren. Ich fühlte, wie sich Hände sanft und liebevoll auf mich legten. Ich wusste, dass mein Menschenpapa daheim um mich weinte. Aber nur kurz. Er war bei den Kindern geblieben, die vor dem Schlafengehen nicht die traurige Botschaft von meinem Abschied erfahren sollten. Es war nämlich schon Abend und die Kinder waren sehr müde. Sie hätten Mühe gehabt zu verstehen, was mit mir geschehen werde. Das erzählten ihre Eltern ihnen am nächsten Morgen, wenn sie ausgeschlafen und bei hellwachem Verstand und Herzen waren. Schon viele Tiere hatten sie gehen lassen müssen. Sie sprechen immer noch mit ihnen, weil sie wissen, wir alle sind nicht tot. Wir sind alle noch da, denn wir sind ewige Seelen.
Jetzt bin ich auch einer von denen, mit denen die Kinder und ihre Familie sprechen, ohne sie zu sehen. Heute hat die Menschenmama mit den Kindern die Asche meines Körpers abgeholt. Als sie gestern Mittag die Kinder darauf vorbereitete, meinte die fünfjährige Hannah: „Ah, und der Körper vom Olaf wird dann in die Erde eingegraben, damit der Olaf wieder wachsen kann.“ Wie recht sie hat! Ja, so ist das. Das, was ich einmal auf der Erde bei meiner Familie war, das wird liebevoll begraben. Und das, was ich in Ewigkeit bin, das wächst nun ohne Grenzen im hellen, weiten Himmel weiter und ist dennoch voller Liebe mit meiner Familie und meinen Freunden verbunden. Warum erzähle ich euch das? Ihr lieben Menschen seid oft so lange so sehr traurig, wenn wir Tiere die Erde verlassen. Vielleicht hilft euch unsere wahre Geschichte. Das wünsche ich mir von Herzen, während ich hier, im Himmel, glücklich bin – übrigens: Mit meiner Frieda!
Euer kleiner Olaf mit der großen Seele