Neuigkeiten (Blog)

Spanien, Mitte Februar 2021: Es bellt aus allen Richtungen, ein ca. einjähriges Hundemädchen versucht inmitten einer bunt gemischten Hundegruppe seinen Platz zu behaupten. Das ist nicht so einfach hinter Gitter auf sehr begrenztem Raum mit ständig wechselnden Gruppenmitgliedern. Aggression, Schmerzen, Verwirrung, Todesangst der Kollegen kriechen in ihre Nase und auch sie sieht sich des Sinnes ihres Lebens beraubt. Denn sie wurde gerettet von der Straße, auf der sie einen Sinn und eine feste Rolle hatte. Es ging einzig und alleine ums Überleben. Jetzt auch, aber hinter Gitter und niemand ist da, der ihr und ihren für sie fremden Artgenossen erklärt, warum und wozu. Gefangen, untergebracht, mit wohlwollender Tierliebe versorgt, um sie vorm Sterben zu bewahren und ein schönes Zuhause für sie zu finden. Das ist die Motivation der Tierschützer. Aber wer vermittelt das den Hunden? Sie erfahren die Beraubung ihrer eigenen Welt. Zweifelsohne werden diese Hunde von Qualen befreit durch Menschen, die über ihre Kraft hinaus rund um die Uhr im Einsatz sind, um das Leid zu mindern. Was aber ist der Preis, den die Hunde zahlen?

Emma, so nenne ich die Kleine hier, hatte Glück. Sie wurde von einer meiner Kundinnen entdeckt, die sich via Foto sofort schockverliebte. Ähnliche Emotionen, nur eben auf männliche Art, machten sich im Ehegatten der Dame breit. Einige Wochen zuvor durfte das hochbetagte Hundemädchen der Familie ihre für dieses Leben letzte Heimreise antreten. Da die jüngere Mithündin vom Tod ihrer Freundin nicht überrascht war, konnte sie das Alleinsein ganz gut verarbeiten. Aber der Platz eines zweiten Hundes war frei geworden und in all den Jahren, in denen ich mit Tierseelen kommuniziere, hat kein einziges Mal ein verstorbener Hund auch nur einen Hauch Eifersucht gezeigt, wenn zeitnah der nächste Vierbeiner ins ehemalige Zuhause einziehen durfte. Im Gegenteil. Nicht selten helfen die zeitweise immer noch fürsorgenden Seelen mit, den zu ihrer ehemaligen Familie passenden Hund auf alle erdenklichen und nicht erdenklichen Weisen in ihr früheres Zuhause hinein zu manipulieren. Aber das ist eine andere Geschichte. So durfte Emma nun bald in ihr neues Zuhause einziehen und ich durfte sie darauf vorbereiten. Wie immer bat ich meine Kundin um Bild- und Tonmaterial aus Hundesicht von jedem Detail des neuen Umfeldes und den Stimmen der Bewohner. Als ich mit der Kleinen in Spanien Kontakt aufnahm, übertönte aufgeregtes spanischsprachliches Stimmengewirr alle anderen Geräusche. Nachdem ich mich daran gewöhnt hatte, konnte ich mich darauf konzentrieren, das Wesen Emma mental zu orten. So filterte ich sie aus dem Gewirr des Tierheimes heraus und nahm sie ins Visier. Nach ein paar Minuten reagierte sie in etwa so, wie ein Mensch, dem man in einer Menschenmenge von hinten auf die Schulter tippt. Sie fühlte, sie war angesprochen. Ich stellte mich ihr vor, gab ihr Zeit, mein Wesen zu erforschen und Vertrauen zu mir aufzubauen. Auf diese Weise besuchte ich sie ein paar Mal am Tag über mehrere Tage hinweg. Ich wollte sie nicht unnötig verwirren, also hielt ich mich einfach nur in ihrem Energiefeld auf, um sie kennenzulernen, aber ohne ihr eine Nachricht zu übermitteln. Zwei Tage vor ihrer Abreise stellte ich bei einem dieser Besuche fest, dass sie nervös war, weil ihr die Unruhe der Mitarbeiter des Tierheimes nicht verborgen blieb. Deshalb begann ich, ihr – ohne zu sehr ins Detail zu gehen – zu zeigen, dass sie bald mit anderen Hunden zusammen eine Reise antreten würde. Damit verbunden schickte ich ihr ein gutes, entspanntes Gefühl. Von da an wusste sie, ihre Existenz im Tierheim hatte einen bestimmten Sinn und das Ziel war, ihr für den Rest ihres Lebens Geborgenheit und Sicherheit in einem hundelieben Haushalt mit einem anderen Hund und zwei Menschen zu geben. Am nächsten Abend bekam sie exakte Details. Alles, was ich im Vorfeld an Informationen, Bildern und Geräuschen zusammen gesammelt hatte, schickte ich ihr auf meine bewährte Art und Weise. Äußerst gespannt interessiert und hochkonzentriert nahm das kluge Mädchen meine Ausführungen in sich auf.

So ergab es sich, dass sie während der langen Transportreise laut Aussage einer Transportbegleiterin als einziger von 35 Hunden die Ruhe bewahrte. Am Übergabeort angekommen, scannte sie die Menge der wartenden Menschen durch. Nachdem ihr Blick an ‚ihrem’ Menschen hängenblieb, übernahm Emma die Führung und  zog die Tierschützerin, die sie an einer Sicherheitsleine aus der Transportbox befreit hatte, schnurstracks und sehr zielstrebig zu ihrer neuen menschlichen Gefährtin hin. Am Auto angekommen, nahm sie sofort auf der ihr durch mich bekannten Hundedecke platz und verhielt sich zur Überraschung der Tierschützerin, als sei sie nie woanders gewesen. Auch im neuen zu Hause angekommen zeigte sich deutlich, dass für sie weder die Umgebung, noch die Lebewesen darin unbekannt waren. Die beiden Hunde haben sich schnell in ihre jeweilig neuen Rollen eingefunden.

Dies ist eins von vielen Beispielen, wie sehr die Tiere bereit sind, mit uns in wahrhafte Kommunikation zu treten. An dieser Stelle bedanke ich mich sehr für das Vertrauen der Menschen, die mich bitten sich und ihre Tiere in den unterschiedlichsten Situationen und Prozessen zu begleiten, sei es ein Umzug, der Umgang mit der Krankheit der Tiere oder der ihrer Menschen, Ängste, Vorbereitungen auf einen Tierarztbesuch, eine OP, ein neues Leben in einer anderen Familie oder auch aufs Sterben. Die Akzeptation der Würde, Denkfähigkeit und des tiefen Gefühlslebens der Tiere nimmt bei den Menschen stetig zu. Aus meiner Sicht und Erfahrung macht es Sinn, diese innere Haltung der Tierwelt gegenüber mit bodenständiger Erdung und aufrichtiger Menschenliebe zu verbinden. In diesem Sinne noch einmal herzlichsten Dank all jenen, die ich im Rahmen meines Tuns kennenlernen durfte und darf.

Ihre und eure

Claudia M. Struwe

 

Vor ein paar Tagen erhielt ich den Anruf einer Frau, die tieftraurig war, weil sie kurz zuvor den toten Körper des kranken Vogelmädchens gefunden hatte, für dessen Wohl sie lange Zeit alles in ihrer Macht Stehende getan hatte.

Sie hatte sich mit Erfolg bemüht, denn das Mädchen war trotz Krankheit in der Lage, mit seinem Partner ein glückliches Leben zu führen. Umso mehr traf es natürlich auch den Vogelbuben, der versuchte zu begreifen, dass seine geliebte Partnerin sich nicht mehr bewegte. In der Verbindung mit der Seele des verstorbenen Vogelmädchens erfuhr ich die tiefe Dankbarkeit gegenüber seiner menschlichen Gefährtin, aber auch die mitfühlende Sorge um den hinterlassenen Partner. Es zeigte mir eine große Voliere mit mehreren Vögeln und den damit verbundenen Wunsch, dass der Witwer dorthin gebracht werden sollte. Die Frau, die all ihre Tiere mutig, hingebungsvoll und artgerecht betreut, nahm auch den Wunsch des verstorbenen Vogels ernst in dem festen Vertrauen, dass sie diese Voliere finden und der Bub sich darin wohl fühlen wird, auch wenn ihr der Abschied von ihm nicht leicht fiel. Wenige Tage später schickte sie mir ein Foto von genau der Voliere mit ihren Bewohnern, wie ich sie in der Verbindung mit der Vogelseele des Mädchens gesehen hatte. Es war ein Platz frei für einen Buben dieser Rasse.  Während ich den Burschen auf seinen Umzug vorbereitete, war er zuerst voller innerer Unruhe. Als er aber verstand, wohin es gehen sollte, konnte er die Unterstützung durch seine verstorbene Partnerin, seine menschliche Gefährtin und mich gut annehmen und seine Nervosität verwandelte sich in Vorfreude. In der Voliere angekommen, bewegte sich der Junge, der bis dahin nur ein Leben zu zweit kennengelernt hatte, als sei er nie woanders gewesen. Auch mit der stabilen Vogelgruppe gab es keinerlei Auseinandersetzungen. Er wurde friedlich aufgenommen und konnte sofort seinen Platz einnehmen, nicht ohne von einer sehr hübschen und interessierten – um nicht zu sagen aufdringlichen – Dame in Beschlag genommen zu werden.

Die Fotos und Filmchen, die ich erhielt, sprachen für sich. Und wieder bin ich auch nach den Jahrzehnten, seit denen ich solche Erfahrungen machen darf, dankbar, diese Wunder miterleben zu dürfen, die möglich gemacht werden durch Menschen, die mit Vertrauen und Hingabe den Tieren in ihrer Obhut ein würdevolles Leben ermöglichen. Nichts anderes haben diese verdient.

C.M. Struwe

Tierarztbesuch mit Hindernissen

Kaninchenbock Freddy hatte einen Impftermin, Simon’s schwarze Krallen sollten gekürzt werden. Es hätte also ein recht harmloser Tierarztbesuch werden können, wäre ich nicht vor der Tierarztraxis auf eine sehr präsente Dame, Typ Türsteher, gestoßen.

„Sie kännen do jetzt net noi. Mir missen all drauße waarte!!“, empfing sie mich. Ihr Blick wanderte von dem kleinen, an meiner rechten Hand baumelnden Transportkäfig, in dem Freddy sich starr seinem Schicksal ergab, zu Simon zu meiner Linken. „Guten Morgen“, entgegnete ich noch freundlich, „Kein Problem, aber Sie erlauben, dass ich mein Kaninchen vor dem kalten Wind schütze und schon einmal in die Praxis stelle.“ Mit einem tonlosen Nicken machte sie den Weg etwas frei, so dass ich mit Simon und Freddy knapp an ihr vorbeischlüpfen konnte, während sie betont ihren Mund- und Nasenschutz zurechtrückte. Als ich wieder, mit weißer Fahne und Friedenspfeife ausgestattet, hinter ihr angekommen war, schoss ihr Blick aus einem Gemisch von Langeweile, Frustration und anderer emotionaler Defizite auf Simon’s linke, leere Schulter. Betont schaute ich Löcher auf die andere Straßenseite, um zu signalisieren, dass ich nicht an einem Gespräch interessiert war. Ihre Not aber war offensichtlich stärker, als meine Körpersprache: „O Gott, der Aaaaarme!!!……….?……“ Hochkonzentriert beschäftigte ich mich weiterhin mit dem gegenüberliegenden Gehweg, während ich nun auch noch meine Schulter von ihr abdrehte. „Wie issn des bassiert?! Wo hän sen den her?“ Mein hoffnungsvolles Warten, dass sich in den nächsten Sekunden die Tür der Praxis öffnete, um mich von dem Gespräch zu befreien, wurde enttäuscht. Wieder einmal ärgerte ich mich über meine nicht vorhandene Schlagfertigkeit, und ergab mich: „Ich rede nicht über seine Vergangenheit, denn die ist ja VORBEI.“ Ich hegte zwar auch nicht die leiseste Hoffnung, dass mein Gegenüber versteht, was ich meine, aber was sollte ich sonst sagen. Ganz sicher würde ich der Dame nicht den Gefallen tun, auf Simon’s Kosten Wasser auf ihre defizitären Mühlen zu gießen. „Ja, awwer!!!“ Jetzt schoss ihr rechter Zeigefinger dahin, wo Simon irgendwann einmal ein linkes Bein hatte, als hätte ich noch nicht gemerkt, dass da etwas nicht ‚in Ordnung’ war. „Es geht ihm jetzt gut.“ Ich blieb – zumindest äußerlich – immer noch ruhig und freundlich, wenn auch bereits ein bohnengroßes Bömbchen in meinem Unterleib Platz genommen hatte. Ihr verständnisloser Gesichtsausdruck und ein weiteres „Awwer dooooo!“ düngte die Bohne, die im Zeitraffer zu wachsen begann. „Moiner hab isch vun Mallorca. Awwer sooo en aggressive Hund is des! Niiiirgends konn isch mit däm hie!“ Klagende Augen hefteten sich an meine Lippen. Das Bömbchen war zur ausgewachsenen Bombe mutiert. Jetzt ratschte der rote Kopf eines Streichholzes hörbar an der Schachtelseite entlang. Still fragte ich mich, ob sie denkt, Simon’s Maulkorb sei einfach nur Gesichtsschmuck. Ich versuchte es noch einmal: „Wenn man einen Hund vom Ausland von der Straße holt, ist doch klar, dass man mit Herausforderungen rechnen muss.“ „Ja, awwer moiner….“ Das brennende Streichholz bewegte sich nun bedrohlich auf die Zündschnur meiner Bombe zu. Nur eine abrupte Halse konnte jetzt noch die Situation retten. Mit meinem Rüden an der Leine bewegte ich mich tief ausatmend auf den 100 m entfernten Parkplatz zu. Als uns ein freundlicher Herr entgegen kam, dessen perfekt gestylter, arielweißer Königspudel meinen Simon anstarrte, hatte dieser Gelegenheit, den wahren Sinn seines Maulkorbes zu zeigen. Ja, der weltbeste Assistenz-Coach hat eben auch seine Herausforderungen mitgebracht und bei aller Liebe und Kommunikation, mag er es immer noch nicht, wenn fremde Hunde ihn anstarren – oder einfach nur existieren. Ich musste schmunzeln. Hatte er eben nicht genau das getan, was die Zweibeinige am anderen Ende der Leine ein paar Sekunden zuvor selbst gerne getan hätte? Vom Auto aus rief ich beim Tierarzt an und bat um Rückruf, wenn wir an der Reihe seien. „Frau Struwe, wir haben mit dem Freddy schon angefangen und warten auf Sie.“ „Ich bin im Auto, weil mein Hund auf der Straße pöbelt.“ Kaum ausgesprochen schämte ich mich für die Lüge, die ich im Behandlungszimmer klarstellte. Die zwei Behandlerinnen grinsten, während Simon die Tierärztin und die medizinische Fachangestellte, die er im Grunde mag, unmissverständlich davor warnte, Freddy Schmerzen zuzufügen. Mister Popeye ließ die drei nicht aus den Augen. Als sich aber bald darauf die Krallenschere seiner Vorderpfote näherte, ging aus Popeye schlagartig die Luft raus. Auch meine Bombe hatte sich inzwischen aufgelöst.

Lachend und ohne weitere Zwischenfälle verließen wir drei die Praxis. Naja, EIGENTLICH war es ein harmloser Tierarztbesuch. Wir sind ja alle nur Menschen.