
Ihr Lieben,
wieder einmal habe ich ein Beispiel für euch, wie wertvoll es ist, wenn wir gut bei uns sind, unabhängig davon, was sich im Außen zeigt. Denn wenn wir präsent sind in unserem Leben für uns und unsere Lieben, fühlen wir, was zu tun ist. Dann sind wir die besten Wegbegleiter für unsere Tiere, wie auch sie es für uns sind.
Peppa, die sehr reife Kaninchendame hier im Haus, drangsaliert ihren gutmütigen Partner Emil stärker, als je zuvor, sodass ich nicht selten eingreife, damit der Bub in Ruhe fressen und schlafen kann. Da ist schon ab und zu eine saftige Standpauke fällig. Beim Krallenschneiden zeigte sich meine Tochter, die als Haltehilfe diente, todesmutig während Peppas Beißversuchen, die unter anderem auf ziemlich empfindliche Körperstellen gerichtet waren. Peppa ist zwar von Natur aus ein kleiner Tyrann, aber diese extrem starke Angriffslust hatte auch andere Gründe. Selbstverständlich wird sie seelisch und körperlich unterstützt, was nicht verhindert, dass deutlich sichtbar ihre Lebenskraft insgesamt gesehen kontinuierlich abnimmt. So auch in der Nacht vom fünften auf den sechsten Januar. Es war 24 Uhr und bei meinem letzten Tierversorgungskontrollgang fiel mir auf, dass mit meiner Omi etwas nicht stimmte. Sie saß mit dem Rücken zu mir, Emil verweilte wieder geduldig in seiner von ihr zugewiesenen Ecke. Als ich sie aufnahm, wehrte sie sich nicht. Sobald sie in meinen Armen lag, legte sie ungewöhnlicher Weise ihr Köpfchen ab und aus den aufgepusteten Muckis schien die Luft fast hörbar zu entweichen. Ich versorgte mein Mädchen mit seiner Medizin und setzte mich daraufhin mit ihr auf mein Bett. Sobald ich eine Hand von ihr löste, begann die Kleine zu zittern. Ihre Atmung verflachte zunehmend, ab und zu zuckte der schwache Körper und die Augen wurden kleiner. Es zeichnete sich ab, was geschehen würde. Schmerzmittel hatte ich ihr gegeben. So blieb weiter für mich nichts zu tun, als: Vertrauen, Hingeben, Lieben. Mit der Zeit verwischten sich die Grenzen zwischen meinen Händen und ihrem Körper, zwischen meinem Herzen und ihrem Herzen. Ich begann vor meinem inneren Auge ihre bisherigen Weggefährten zu sehen, die sie alle ziemlich malträtiert hatte. Einer nach dem anderen tauchte auf und sie alle zeigten, dass sie im Frieden waren mit ihr. Peppa schien schon fast zu schlafen, aber sie knirschte heftig mit ihren Zähnen. Ok, dachte ich, es sieht sowieso danach aus, dass sie die Welten wechselt, also bekam sie noch einmal eine Dosis Schmerzmittel. Erfahrungsgemäß wusste ich, sie würde irgendwann stark zucken und ein letztes Mal aufatmen. Dann würde ihr Herzchen aufhören zu schlagen. So kam es. Fast. Sie zuckte. Sie tat einen tiefen Atemzug. Dann riss sie die Augen auf, realisierte, wo sie sich befand, drängte mich unmissverständlich, sie endlich wieder zu ihrem Emil zu setzen, damit sie eine weitere Runde Leben gemeinsam mit ihm drehen kann. Ihr Wille, mein Befehl! Emil hatte die vergangenen zwei Stunden seine Freiheit genauso genossen, wie er sich jetzt wieder über seine Peppa freute. Ich nahm meine Polly mit nach draußen unter die Sterne, blickte nach oben und dachte. „Tja, ihr müsst noch ein bisschen warten, ihr Lieben.“ Am darauffolgenden Tag ließ ich Peppa von unserer Tierärztin durchchecken. Schmerzhaft zeigte sich die Blase, ansonsten ergab sich keine weitere Diagnose. „Ok, ich dachte es mir ja. Sie wird nun einmal einfach nur alt, meine Peppa.“ Lachend entgegnete unsere Tierärztin mit Blick auf Peppas Kundenkartei: „Frau Struwe! Peppa IST ALT!“ und gab mir die passenden Medikamente mit, um Peppa zu unterstützen. Ja, ok, mit elf ist ein Kaninchen nicht mehr ganz taufrisch.
Heute verhält die Omi sich, als sei nichts gewesen. Ab und zu hat sie Schwierigkeiten, gerade zu sitzen. Dann kommt Emil aus seinem Exil, legt sich im Halbkreis um sie herum, sodass sie nicht umfällt. Ich würde das gerne für euch fotografieren, aber die beiden sind zurecht der Meinung, das verletze zu sehr ihre Privatsphäre. Ihr Lieben, ich wünsche euch allen die Gabe tief zu vertrauen und zu wissen, ihr werdet geführt; die Fähigkeit zu entscheiden, was getan und was gelassen werden sollte und bedingungslos und wenn’s dran ist, tatkräftig zu lieben, was ist. Ja, das kann ein langer Weg sein mit Steinen und Felsen und was sich noch alles dazwischen legen kann. Aber er lohnt sich!
Eure Claudia Struwe mit Peppa