Tierarztbesuch mit Hindernissen

 

Kaninchenbock Freddy hatte einen Impftermin, Simon’s schwarze Krallen sollten gekürzt werden. Es hätte also ein recht harmloser Tierarztbesuch werden können, wäre ich nicht vor der Tierarztraxis auf eine sehr präsente Dame, Typ Türsteher, gestoßen.

„Sie kännen do jetzt net noi. Mir missen all drauße waarte!!“, empfing sie mich. Ihr Blick wanderte von dem kleinen, an meiner rechten Hand baumelnden Transportkäfig, in dem Freddy sich starr seinem Schicksal ergab, zu Simon zu meiner Linken. „Guten Morgen“, entgegnete ich noch freundlich, „Kein Problem, aber Sie erlauben, dass ich mein Kaninchen vor dem kalten Wind schütze und schon einmal in die Praxis stelle.“ Mit einem tonlosen Nicken machte sie den Weg etwas frei, so dass ich mit Simon und Freddy knapp an ihr vorbeischlüpfen konnte, während sie betont ihren Mund- und Nasenschutz zurechtrückte. Als ich wieder, mit weißer Fahne und Friedenspfeife ausgestattet, hinter ihr angekommen war, schoss ihr Blick aus einem Gemisch von Langeweile, Frustration und anderer emotionaler Defizite auf Simon’s linke, leere Schulter. Betont schaute ich Löcher auf die andere Straßenseite, um zu signalisieren, dass ich nicht an einem Gespräch interessiert war. Ihre Not aber war offensichtlich stärker, als meine Körpersprache: „O Gott, der Aaaaarme!!!……….?……“ Hochkonzentriert beschäftigte ich mich weiterhin mit dem gegenüberliegenden Gehweg, während ich nun auch noch meine Schulter von ihr abdrehte. „Wie issn des bassiert?! Wo hän sen den her?“ Mein hoffnungsvolles Warten, dass sich in den nächsten Sekunden die Tür der Praxis öffnete, um mich von dem Gespräch zu befreien, wurde enttäuscht. Wieder einmal ärgerte ich mich über meine nicht vorhandene Schlagfertigkeit, und ergab mich: „Ich rede nicht über seine Vergangenheit, denn die ist ja VORBEI.“ Ich hegte zwar auch nicht die leiseste Hoffnung, dass mein Gegenüber versteht, was ich meine, aber was sollte ich sonst sagen. Ganz sicher würde ich der Dame nicht den Gefallen tun, auf Simon’s Kosten Wasser auf ihre defizitären Mühlen zu gießen. „Ja, awwer!!!“ Jetzt schoss ihr rechter Zeigefinger dahin, wo Simon irgendwann einmal ein linkes Bein hatte, als hätte ich noch nicht gemerkt, dass da etwas nicht ‚in Ordnung’ war. „Es geht ihm jetzt gut.“ Ich blieb – zumindest äußerlich – immer noch ruhig und freundlich, wenn auch bereits ein bohnengroßes Bömbchen in meinem Unterleib Platz genommen hatte. Ihr verständnisloser Gesichtsausdruck und ein weiteres „Awwer dooooo!“ düngte die Bohne, die im Zeitraffer zu wachsen begann. „Moiner hab isch vun Mallorca. Awwer sooo en aggressive Hund is des! Niiiirgends konn isch mit däm hie!“ Klagende Augen hefteten sich an meine Lippen. Das Bömbchen war zur ausgewachsenen Bombe mutiert. Jetzt ratschte der rote Kopf eines Streichholzes hörbar an der Schachtelseite entlang. Still fragte ich mich, ob sie denkt, Simon’s Maulkorb sei einfach nur Gesichtsschmuck. Ich versuchte es noch einmal: „Wenn man einen Hund vom Ausland von der Straße holt, ist doch klar, dass man mit Herausforderungen rechnen muss.“ „Ja, awwer moiner….“ Das brennende Streichholz bewegte sich nun bedrohlich auf die Zündschnur meiner Bombe zu. Nur eine abrupte Halse konnte jetzt noch die Situation retten. Mit meinem Rüden an der Leine bewegte ich mich tief ausatmend auf den 100 m entfernten Parkplatz zu. Als uns ein freundlicher Herr entgegen kam, dessen perfekt gestylter, arielweißer Königspudel meinen Simon anstarrte, hatte dieser Gelegenheit, den wahren Sinn seines Maulkorbes zu zeigen. Ja, der weltbeste Assistenz-Coach hat eben auch seine Herausforderungen mitgebracht und bei aller Liebe und Kommunikation, mag er es immer noch nicht, wenn fremde Hunde ihn anstarren – oder einfach nur existieren. Ich musste schmunzeln. Hatte er eben nicht genau das getan, was die Zweibeinige am anderen Ende der Leine ein paar Sekunden zuvor selbst gerne getan hätte? Vom Auto aus rief ich beim Tierarzt an und bat um Rückruf, wenn wir an der Reihe seien. „Frau Struwe, wir haben mit dem Freddy schon angefangen und warten auf Sie.“ „Ich bin im Auto, weil mein Hund auf der Straße pöbelt.“ Kaum ausgesprochen schämte ich mich für die Lüge, die ich im Behandlungszimmer klarstellte. Die zwei Behandlerinnen grinsten, während Simon die Tierärztin und die medizinische Fachangestellte, die er im Grunde mag, unmissverständlich davor warnte, Freddy Schmerzen zuzufügen. Mister Popeye ließ die drei nicht aus den Augen. Als sich aber bald darauf die Krallenschere seiner Vorderpfote näherte, ging aus Popeye schlagartig die Luft raus. Auch meine Bombe hatte sich inzwischen aufgelöst.

Lachend und ohne weitere Zwischenfälle verließen wir drei die Praxis. Naja, EIGENTLICH war es ein harmloser Tierarztbesuch. Wir sind ja alle nur Menschen.

 

 

 

 

Hallo Leute,

ich MUSS es euch erzählen! Sieben Jahre Arbeit, Vertrauen, Disziplin haben sich gelohnt. Gestern Abend durfte ich eine der Früchte ernten, deren Samen meine Zweibeinige, meine Hunde- und Katzenfreunde und ich zusammen gesät haben. Ich war im Flow.

Als meine Zweibeinige mir für den Abendspaziergang mein Geschirr anlegte, fühlten wir es schon. Dieser Klick, als sie es um mein linkes Bein schloss, das es ja im physischen Sinn nicht mehr gibt, hatte schon etwas Besonderes. Immer öffnet sie beide Schnallen, immer schließt sie beide Schnallen um jedes meiner Vorderbeine. Denn für uns habe ich zwei davon, wie Lotte auch. Dann ging es hoch in den Wald. Wir haben intensiv Mentalarbeit geleistet in der letzten Zeit. Vieles wurde aufgelöst in unseren Köpfen, unseren Herzen. Und wir sind noch lange nicht am Ende. Mentales Training für uns alle, immer wieder – das ist echte Arbeit! Aber wir lassen nicht locker! Immerhin habe ich in meinem kurzen Leben schon intensiv erfahren dürfen, dass alles einen Grund hat. Und meine Zweibeinige, die lässt ja gar keine Ruhe, solange wir uns nicht ausgeglichen und möglichst schmerzarm durchs Leben bewegen. Das mentale Training unterstützt sie mit Energiearbeit und dann ist da noch die Physiotherapie von meiner Freundin Anna, die weite Wege für mich fährt. Wir, Lotte, meine Zweibeinige und ich, gingen also zu später Abendstunde los. Dann kam der Moment. Während unser ‚Waldskipper‘ mich auf der rechten Seite und Lotte auf der linken Seite führte, um energetisch von ihren beiden Beinen Kraft auf mein unsichtbares linkes und Lottes rechtes Vorderbein zu übertragen, verschmolzen wir, wie so oft, zu einer Einheit. Nicht nur mit uns, sondern auch mit allen Pflanzen und Tieren des Waldes, dem Horizont und Mutter Erde unter unseren Füßen. Im Laufen klickte sie Lotte von der Leine. Wir liefen weiter, ich an Halsband und Geschirr, um meine Konzentration fürs Laufen aufrecht zu erhalten, Lotte frei, die Kraft unserer insgesamt acht Beine gleichmäßig verteilt. Wir dachten nichts. Fühlten alles. Und dann machte es diese zwei Klicks, die es immer macht, wenn sie mich ableint. Doch dieses Mal interessierten mich nicht die Geruchsspuren, der Rehe, die kurz zuvor noch auf dem Weg standen. Die Wildschweine, Mäuse, Kaninchen, alles war mir gleichgültig. Denn ich trabte los. Ohne mich umdrehen zu müssen sah ich die Freudentränen unserer Zweibeinigen und hörte ihre sanften Worte: „Ja, trabe, mein Junge, trabe in deinem Tempo. Achte nicht auf uns. Mach dein Ding. Wir sehen uns zu Hause.“ Ich trabte. Auf gefühlten vier Beinen. Mein Körper bildete eine gerade Linie. Nicht wie sonst, wenn ich durch das Abrunden meiner Wirbelsäule das Gleichgewicht halte. Es gab nichts zu halten. Ich WAR im Gleichgewicht. So ‚flog‘ ich nach Hause, in Sichtweite hinter mir die beiden Mädels, die sich von meinem Flow mittragen ließen. Daheim angekommen begrüßten uns Hannah und Maïna im Gegensatz zu sonst still und zärtlich. Auch sie merkten, dass wir eine besondere Erfahrung mitbrachten.

Ich denke heute immer wieder an diesen Flow und ich weiß, das große Geheimnis, ihn wieder erleben zu dürfen besteht in einem kleinen und doch so schweren Trick: Nicht zu erwarten, dass er wieder kommt.

Euer Simon