
„Du musst meine Menschen besuchen!“ Ich wollte gerade einschlafen, als er vor meinem Bett auftauchte. „Harry, was machst du denn hier, du bist doch gerade erst vor ein paar Tagen gestorben?!“ „Sie leiden. Du musst sie besuchen.“ „Ich weiß, Harry, aber ich lasse ihnen erst mal Zeit, um dich zu trauern. Und du solltest dir die Zeit nehmen, drüben in aller Ruhe anzukommen, deinen früheren Kumpel zu treffen, der dir vorausgegangen war, und dich heilen zu lassen.“ Wie zu Lebzeiten, blieb er hartnäckig. „Du. Musst. Sie. Besuchen.“ Dann war er weg. Ok. Wenn Gott durch die Tiere, die mir ans Herz gelegt werden, zu mir spricht, dann muss ich das eben auch tun, was sie sagen.
Am darauffolgenden Sonntag packte ich meine kranken Zwillinge ins Auto, gefolgt von Polly und wir fuhren zu viert ins Saarland. Also nur eine Stunde Fahrt. Himmel, war ich froh, dass Harry’s Menschen nicht in Bagdad wohnen!! Ich kenne Renate und Joachim gut und ich wusste, wie sehr sie unter der Trennung von Harry litten. Sie hatten nur ein paar Tage Zeit gehabt von der tödlichen Diagnose bis zur Euthanasie. Dementsprechend kann man sich das seelische Tief, in dem sie sich befanden, gar nicht tief genug vorstellen. Es waren einfach zu viele Tiere, die sie in den letzten Jahren verabschieden mussten. Ein bisschen sorgte ich mich um meine Hannah, die damals noch lebte, und um Maiina, ihre Zwillingsschwester , – auch nicht wirklich fit und gesund. Aber ich vertraute darauf, dass schon alles klappen würde, sie waren immer herzlich Willkommen gewesen bei Harry und seiner Familie. Die Fahrt verlief ohne Zwischenfälle. Fast. Kurz vor der Autobahnausfahrt meldete sich die Ursache des Unternehmens: „Du musst ihnen sagen, dass ich ganz schnell wiederkomme. Ich bin jetzt schon im Bauch meiner neuen Mutter.“, meinte er knochentrocken. Ich brauchte alles, um mein Auto in der Spur zu halten, ganz abgesehen von meinen Gedanken! „Harry!!! DAS GEHT NICHT. SIE WOLLEN KEINEN HUND MEHR. SIE HABEN GESAGT, DIESEN SCHMERZ HALTEN SIE NICHT MEHR AUS!!!“ Statt mir zuzuhören, beschrieb er genau, wie er aussehen wird und er legte größten Wert auf die Farbe, die er als erwachsener Hund haben wird. „Hellblond, hörst du? Nicht goldfarben oder so. Ich werde sehr hell sein!“ Ich war sprachlos. Das war ja kaum zu toppen. Ich raunzte ihn an, wie er sich das vorstelle, wie ich das seinen Menschen jetzt klar machen sollte?! Da meinte der Dickkopf einfach nur: „Polly wird dir helfen.“ Mein Blick wanderte zu Polly, die völlig entspannt auf dem Rücksitz saß mit ihrem ‚Ich-weiß-Bescheid-Blick‘. Gut. Wenn Harry und Polly Bescheid wissen, dann kann ja nix passieren. Eine Wahl hatte ich eh nicht! Harry setzte sich durch, Polly half ihm, es folgten viele Tränen seiner Menschen, durchwachte Nächte, Fragen, verzweifelte Suche nach dem „Richtigen“ und kurze Zeit später zog er ein, der hellblonde Hovawartrüde Rudi. Kaum aus dem Bauch seinen Mum geschlüpft, war er auf seine Menschen zugekrochen. Unbeschreibliche Emotionen brachen auf allen Seiten hervor und dieser Zustand hat inzwischen ein Jahr lang angehalten. Kurz nach seinem ersten Geburtstag erhielt ich jedoch einen besorgten Anruf. „Du, er frisst nicht mehr. Egal, was wir ihm anbieten, er nimmt es nicht an. Wir machen uns große Sorgen. Er wiegt 40kg. Er muss doch etwas essen!“ Ich bekam ein Bild mit Kamerablick und nahm Kontakt mit ihm auf. Er zeigte mir, dass der Schmerz und die Trauer, die noch in seinen Menschen waren, sehr stark waren und dass vor allem Joachim mehr den Harry im Rudi sah, als den jungen, temperamentvollen Rüden, der er jetzt war – und der zwar ganz arg viele Charaktereigenschaften von Harry hat, aber eben auch Rudi-Anteile, die genauso wichtig sind. Das war die mentale Botschaft. Körperlich schickte er mir exakt dieselben Schmerzen, die Harry gehabt hatte, kurz bevor er starb. Ich erkannte das sofort, denn diese schlimmen Schmerzen in Nase, Kopf und Nacken werde ich nie vergessen. Er gab mir zu verstehen, dass es jetzt für seine Menschen Zeit sei, diese Erinnerungen loszulassen. Da es nicht das erste Mal war, dass wir über diese Themen sprachen, wussten Renate und Joachim gleich, was gemeint war. „Stellt den Napf höher, damit er den Nacken nicht beugen muss. Das tut einfach sauweh! Und dann lasst eure Osteopathin kommen. Sie soll die Blockaden lösen.“ Gesagt – getan und Rudi schleckt seitdem seinen Napf blank. Die Osteopathin hatte ordentlich zu tun, bis die Schmerzstellen gelöst waren. Sie diagnostizierte die Blockaden genau dort, wo Rudi sie mir geschickt hatte. Ok. Gott sei Dank geht es dem Pampersrocker jetzt wieder gut! Aber ich spürte, jetzt war für mich noch eines zu tun. Ich musste mich noch um die Anteile von Harry kümmern, die da losgelassen wurden. Sie durften nun frei werden für immer. Es dauerte nicht lange, bis ich tief aufatmete. Jetzt war der Schmerz vollkommen erlöst. Freiheit. Friede. Stille.
Das erinnerte mich an meine Wahrnehmung, die ich selbst vor ein paar Tagen hatte. Mein Seelenbruder Simon war am 14. März 2024 gegangen. Seitdem hatte er mich so intensiv begleitet, dass ich kaum gemerkt hatte, dass er körperlich nicht mehr bei mir war. Ständig tauchte er vor meinem inneren Auge auf, machte seine Bemerkungen, wenn es mir schlecht ging oder einem meiner Lieben, dann spürte ich seinen Atem in meinem Nacken. Er legte sich zu mir, wenn ich nachts zu viel nachdachte und wenn ich mit dem Auto zu schnell um die Kurven fuhr, meckerte er, weil er mit drei Beinen nicht so schnell ausbalancieren konnte. Bei meinen Kommunikationen und Coachings mischte er sich ein, wie eh und je. Seit ein paar Tagen ist es still. Es war zwischen uns klar gewesen, dass er nicht mehr wiederkommen würde. Wir hatten uns ein paar Mal gehabt in diesem Leben und alles, was mit Körper miteinander gelebt werden sollte, war gelebt. Nun ist er weitergezogen, mein Junge. Ich gebe zu, dass ich ihn jetzt vermisse. Denn bisher war er ja nicht weg gewesen für mich. Aber gleichzeitig bin ich sehr, sehr glücklich, dass er frei ist von allem. Auch von mir. Denn wenn wir uns wieder sehen werden, dann werde auch ich und alle Lieben, die ich treffen werde, frei sein von allem, was uns jemals emotional gebunden hatte. Die Seelenfamilie wird vereint sein für alle Zeit. Irgendwann. Irgendwo. Irgendwie. Wer weiß das schon. Bis dahin vertrauen wir und lieben und leben.
In diesem Sinne, alles Liebe,
eure Claudia Struwe

