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„Nach 100m haben Sie das Ziel erreicht. Es liegt auf der rechten Seite.“ Nicht einmal ich bräuchte für diesen Weg noch ein Navi. Zu oft bin ich ihn gefahren. Das letzte Mal vor knapp zwei Monaten. Aber ich mag es, wenn die Stimme sagt, wo es lang geht ….. für diese Art Weg nehme ich diese Art Führung gerne in Anspruch. Hat doch der liebe Gott bei der Verteilung des Orientierungssinnes bei mir irgendetwas falsch gemacht. Er hat den Kompass eingebaut. Ganz tief in mein Herz hineingepflanzt hat er ihn. Für die Abteilung „Innere Angelegenheiten“. Allerdings hat er eben das andere, das Draußen und Drumherum vergessen. Aber dafür gibt’s ja die Technik. 100 Meter trennten mich noch von der Tür, die ich vor 10 Tagen, wieder um ein Tier ärmer geworden, hinter mir geschlossen hatte. Heute werde ich Peppas Asche abholen.

Ein Teil von mir hatte das alte Kaninchenmädchen für unsterblich gehalten. Aber Peppa wusste es besser, – auch wenn sie es nicht kommuniziert hatte. So sehr sie ihren Emil drangsalierte, so sehr sorgte sie auch für ihn. Auf ihre Weise eben. Da musste man schon genau, also ganz genau hinsehen, um das, was sie mit dem Bub machte, als Liebe bezeichnen zu können. Es war eben ihre Art…. Emil nahm das hin und an, Hauptsache er musste nicht alleine sein. Er dankte es ihr, indem er ihr in schwachen Tagen als Stütze diente. Sobald sie zu wackeln begann, rannte er zu ihr hin. Im Halbkreis legte er sich um sie und bewegte sich keinen Millimeter, bis sie ausreichend Kraft gesammelt hatte, um ihn wieder verscheuchen zu können. Dann wartete er in der von ihr zugewiesenen Ecke auf die nächste Gelegenheit, seine Zuneigung zeigen zu dürfen. Manchmal suchte sie seine zärtliche Nähe, schob ihren Kopf unter seinen Bauch und ließ sich verwöhnen. Emil fühlte, dass sie nicht mehr lange bei ihm sein würde. Er tat alles, was in seiner Macht stand, um die gemeinsame Zeit zu verlängern. Sie tankte auf bei ihm. Ohne Emil hätte Peppa nicht so lange durchgehalten mit diesem wachsenden Teil in der Blase, das da nicht hingehörte. Aber auch Peppa gab alles, denn sie wusste um Emils Trauma nach dem Tod seiner früheren Partnerin. Sie wollte ihre Schmerzen nicht zeigen, ließ sich aber bereitwillig ihre Medizin verabreichen. Eines Tages wurde sie zu Emil so grantig, dass ich fast nicht mehr zusehen konnte. Sie mied ihn und wenn er sich näherte, entwickelte das kranke, alte Mädchen Löwenkräfte, um den vor Kummer ratlosen Partner unter Anwendung von roher Gewalt zu verscheuchen. Immer noch gab sie sich tapfer und stark. Es war Zeit, die Wahrheit laut auszusprechen. In mir meldete sich für einen kurzen Moment der überflüssige, menschengemachte Konflikt: Pietätlosigkeit vs wahres Leben. So ein Kulturding der zweibeinigen Leute eben. Das bedeutet nicht, dass Tiere ihre Partner sofort freudig austauschen, auch sie durchleben Abschiedsprozesse individuell. Sie sind aber durchaus in der Lage, ihre Entscheidungen selbst zu treffen und mitzuteilen.

Peppa erfuhr von mir, dass Emil nach ihrem Tod zu Maja ziehen wird, die nach Olafs Tod noch keinen passenden Gefährten gefunden hatte. Denn Maya, die bei meiner Tochter und ihrer Familie lebt, ist von ebenso zartem Gemüt, wie Emil. Es lag also glasklar auf der Hand, warum sich kein passendes Partnertier gezeigt hatte. Als es laut ausgesprochen war, dass Peppa sich nicht quälen muss und dass für ihren Emil gesorgt ist, sackte sie von einer Minute auf die andere in sich zusammen. Plötzlich wirkte das kleine Kraftpaket um 5 Jahre älter. Sie schenkte ihren Schmerzen Raum. Erleichtert und selbstbewusst gab sie sich dem Fluss des Lebens und des Sterbens hin. Hätte ich sie um ihrer selbst Willen gebeten, loszulassen und ihrem Schmerz freien Lauf zu lassen, hätte sie mir den Mittelfinger gezeigt. Aber für ihren Emil, für sein Glück, hat sie loslassen können. Er war versorgt. Nun konnte sie nach sich schauen.  Noch einmal sammelte sie alle Energiereserven zusammen, um ein paar Minuten Leben, Liebe, Zuhause in sich aufzusaugen. Dann zog sie sich wieder zurück.  Die Pfingst-Energie warf ihr Licht voraus. Und Peppa hat auf ihre ganz eigene, ganz besondere Art gezeigt, wie sehr sie ihren Emil liebt. Der letzte Weg zu unserer Tierärztin war ihre Entscheidung. Neben mir im Auto saß kein armes, krankes Kaninchenmädchen. Neben mir saß eine weise, alte Frau, die ihren Weg zu Ende geht.

 

Ihr Lieben,

wieder einmal habe ich ein Beispiel für euch, wie wertvoll es ist, wenn wir gut bei uns sind, unabhängig davon, was sich im Außen zeigt. Denn wenn wir präsent sind in unserem Leben für uns und unsere Lieben, fühlen wir, was zu tun ist. Dann sind wir die besten Wegbegleiter für unsere Tiere, wie auch sie es für uns sind.

Peppa, die sehr reife Kaninchendame hier im Haus, drangsaliert ihren gutmütigen Partner Emil stärker, als je zuvor, sodass ich nicht selten eingreife, damit der Bub in Ruhe fressen und schlafen kann. Da ist schon ab und zu eine saftige Standpauke fällig. Beim Krallenschneiden zeigte sich meine Tochter, die als Haltehilfe diente, todesmutig während Peppas Beißversuchen, die unter anderem auf ziemlich empfindliche Körperstellen gerichtet waren. Peppa ist zwar von Natur aus ein kleiner Tyrann, aber diese extrem starke Angriffslust hatte auch andere Gründe. Selbstverständlich wird sie seelisch und körperlich unterstützt, was nicht verhindert, dass deutlich sichtbar ihre Lebenskraft insgesamt gesehen kontinuierlich abnimmt. So auch in der Nacht vom fünften auf den sechsten Januar. Es war 24 Uhr und bei meinem letzten Tierversorgungskontrollgang fiel mir auf, dass mit meiner Omi etwas nicht stimmte. Sie saß mit dem Rücken zu mir, Emil verweilte wieder geduldig in seiner von ihr zugewiesenen Ecke. Als ich sie aufnahm, wehrte sie sich nicht. Sobald sie in meinen Armen lag, legte sie ungewöhnlicher Weise ihr Köpfchen ab und aus den aufgepusteten Muckis schien die Luft fast hörbar zu entweichen. Ich versorgte mein Mädchen mit seiner Medizin und setzte mich daraufhin mit ihr auf mein Bett. Sobald ich eine Hand von ihr löste, begann die Kleine zu zittern. Ihre Atmung verflachte zunehmend, ab und zu zuckte der schwache Körper und die Augen wurden kleiner. Es zeichnete sich ab, was geschehen würde. Schmerzmittel hatte ich ihr gegeben. So blieb weiter für mich nichts zu tun, als: Vertrauen, Hingeben, Lieben. Mit der Zeit verwischten sich die Grenzen zwischen meinen Händen und ihrem Körper, zwischen meinem Herzen und ihrem Herzen. Ich begann vor meinem inneren Auge ihre bisherigen Weggefährten zu sehen, die sie alle ziemlich malträtiert hatte. Einer nach dem anderen tauchte auf und sie alle zeigten, dass sie im Frieden waren mit ihr. Peppa schien schon fast zu schlafen, aber sie knirschte heftig mit ihren Zähnen. Ok, dachte ich, es sieht sowieso danach aus, dass sie die Welten wechselt, also bekam sie noch einmal eine Dosis Schmerzmittel. Erfahrungsgemäß wusste ich, sie würde irgendwann stark zucken und ein letztes Mal aufatmen. Dann würde ihr Herzchen aufhören zu schlagen. So kam es. Fast. Sie zuckte. Sie tat einen tiefen Atemzug. Dann riss sie die Augen auf, realisierte, wo sie sich befand, drängte mich unmissverständlich, sie endlich wieder zu ihrem Emil zu setzen, damit sie eine weitere Runde Leben gemeinsam mit ihm drehen kann. Ihr Wille, mein Befehl! Emil hatte die vergangenen zwei Stunden seine Freiheit genauso genossen, wie er sich jetzt wieder über seine Peppa freute. Ich nahm meine Polly mit nach draußen unter die Sterne, blickte nach oben und dachte. „Tja, ihr müsst noch ein bisschen warten, ihr Lieben.“ Am darauffolgenden Tag ließ ich Peppa von unserer Tierärztin durchchecken. Schmerzhaft zeigte sich die Blase, ansonsten ergab sich keine weitere Diagnose. „Ok, ich dachte es mir ja. Sie wird nun einmal einfach nur alt, meine Peppa.“ Lachend entgegnete unsere Tierärztin mit Blick auf Peppas Kundenkartei: „Frau Struwe! Peppa IST ALT!“ und gab mir die passenden Medikamente mit, um Peppa zu unterstützen. Ja, ok, mit elf ist ein Kaninchen nicht mehr ganz taufrisch.

Heute verhält die Omi sich, als sei nichts gewesen. Ab und zu hat sie Schwierigkeiten, gerade zu sitzen. Dann kommt Emil aus seinem Exil, legt sich im Halbkreis um sie herum, sodass sie nicht umfällt. Ich würde das gerne für euch fotografieren, aber die beiden sind zurecht der Meinung, das verletze zu sehr ihre Privatsphäre. Ihr Lieben, ich wünsche euch allen die Gabe tief zu vertrauen und zu wissen, ihr werdet geführt; die Fähigkeit zu entscheiden, was getan und was gelassen werden sollte und bedingungslos und wenn’s dran ist, tatkräftig zu lieben, was ist. Ja, das kann ein langer Weg sein mit Steinen und Felsen und was sich noch alles dazwischen legen kann. Aber er lohnt sich!

 

Eure Claudia Struwe mit Peppa